“Nichts”…

Ich habe mich bisher immer dagegen verwehrt Blog-Einträge zu posten die deprimierend, pseudo-poetisch oder unlustig sind. Einfach nur weil ich diese Gefühle in mir selbst permanent unterdrücke. Aber: Was raus muss, muss raus… Auf einen Neuanfang. Ein Jahr hat´s gedauert. In diesem Sinne: Nicht lesen wenn man Bock auf Comedy hat *lol*

“Nichts”…

Ich habe vom „nichts“ die Schnauze voll…

Und, was gibt es neues ? Och, „nichts“. Wie mich das ankotzt !!!

Das „nichts“ ist in der letzten Zeit mein allgegenwärtiger Begleiter geworden. Wie vor garnicht allzu langer Zeit noch die kleine, hässliche pummelige, ätzende Schwester die ständig in der Zimmertür lungert oder unerwünschterweise neben einem sitzt und nur dumm glotzt.

Wenigstens ist die Schwester (nennen wir sie Leukämie) voller Überraschungen. Das „nichts“ ist es nicht. Es sitzt nur da und glotzt. Tagein, tagaus.

Man wacht morgens auf und es steht schon voller Erwartung vor dem Bett. Was mache ich denn heute ? Ach, stimmt ja: „Nichts“. Für was gehe ich eigentlich duschen oder putze mir die Zähne ? Für „nichts“. Was mache ich mir heute zu essen? „Nichts“. Was werde ich den Tag über tun ? „Nichts“.

Ich hätte nie erwartet das mich einmal etwas mehr nerven könnte als die ätzende, kleine Schwester. Das „nichts“ hat mich eines besseren belehrt.

Die Schwester ist ein Klotz am Bein. Sie bringt einen dazu Dinge zu tun die man nicht tun will. Sie bringt das Leben gehörig durcheinander und wenn Sie noch Ihre beste Freundin (Chemo) mitbringt dann möchte man sich nur möglichst klein zusammen falten, in die Ecke setzen und verschwinden.

Aber man lernt sie zu tolerieren. Man lernt was man zu erwarten hat und wie man mit Ihr und Ihren Freundinnen umgehen kann. Man lernt sogar sie auszublenden. Man lernt damit umzugehen das wegen Ihr die Freunde nicht mehr vorbei kommen, man lernt damit umzugehen das man nicht mehr aus der Wohnung kommt weil man die kleine Schwester am Bein hat. Man lernt das man sein leben nicht mehr leben kann weil sie es vollständig im Griff hat. Und man verlagert sich auf die kleinen Dinge, die Dinge die sie einem nicht nehmen kann. Die Dinge die einfach noch funktionieren.

Und irgendwann, wenn jeder Film geschaut, jedes Videospiel gespielt und jedes Buch gelesen ist und man sich gerade darauf gefasst macht sich umzudrehen und die fette, verpickelte Scheißfresse zu sehen dann ist da.. „Nichts“…

Das „nichts“ ist sozusagen die Schichtablösung der kleinen Schwester. Sie sorgt dafür das man allein ist, fast schon einsam. Sie sorgt dafür das man schreien möchte. Sie nimmt alles was einen ausmacht und trampelt so darauf herum das es nicht mehr zu benutzen ist. Sie macht es unkenntlich. Man vergisst alles was vorher war.

Und wenn man sich gerade damit arrangiert hat und sich den Umständen angepasst hat, sich damit abgefunden hat um sich wenigstens noch ein bisschen wohl ins einem Leben zu fühlen kommt das „nichts“ und gibt einem den Rest.

Man steht in einem Raum. Einer Örtlichkeit die man früher Leben nannte. Und darin befinden sich zertrampelte Freunde, Kinokarten, Einkaufstüten, Festivaltickets, Lebensmittel, Spaziergänge.

Alles Dinge an die man sich noch dunkel erinnern kann. Mit jedem Schritt den man macht knirscht ein Teil unter den Fußsohlen. Ein Knirschen das einem ins Herz fährt und es wie eine zitrone auszupressen droht. Und man macht sich daran die zerbrochenen Teile und zerrissenen Fetzen aufzuheben. Man versucht zu kitten, zu kleben, zu bügeln. Aber es funktioniert nicht, die Teile passen nicht ineinander. Die Fetzen sind zu abgetreten um ein klares Bild zu ergeben. Es wird nie wieder so sein wie es zuvor war.

Also verabschiedet man sich, nimmt einen großen Müllsack und schmeißt alles hinein. Und dann steht man dort, in einem dunkel-leerem Raum. Im Kopf hat man schon alles neu eingerichtet. In Realität sitzt die Schwester einem noch so im Leib das man es nicht schafft.

Da ist das „nichts“. Der luftleere Raum zwischen altem und neuem Leben.

Und man hat Angst. Hat die Welt sich verändert? Passe ich da noch hinein? Weiß ich überhaupt wie man neue Fotos für die kahlen Wände macht oder habe ich es verlernt? Wer möchte sich mit mir in meinem leeren LebensRaum treffen? Was habe ich zu bieten? Weiß ich überhaupt noch wo ich bin um andere Leute dahin einzuladen? Wann habe ich wieder die Kraft und das Selbstbewusstsein um den ersten Schritt zu gehen und wenigstens die Farbe und Beleuchtung für den neuen Raum zu wählen?

Und ich schleppe mich in die Mitte des dunklen Raumes, sehe mir die Wände an und den vollgepackten Müllsack in der Ecke. Und ich schreie. Ich schreie so laut das die Wände des Raumes zittern, das eingestaubte Fenster vibriert und meine Lungen schmerzen.

Und die Welt um mich herum nimmt davon keine Notiz. Aber es ist nicht schlimm. Ich habe mich gehört. Und mein Schrei entfacht in mir Hoffnung. Ich bin noch da. Und ich werde es wieder schön machen. Hörst Du mich jetzt Welt ? Ich komme zurück. Ich weiß noch nicht genau wann. Aber wenn dann wirst Du mich hören. Ich bin zwar leise gegangen, aber ich werde mit einem Knall zurück kommen.

Und an die Wand hänge ich meine in den letzten Zuckungen liegende halbtote kleine, nervige, hässliche Schwester. Lächle leise und flüstere : „Du bist das nächste, „nichts“”.

Euer

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